Versteckte Paradiese


Neues aus der Siemensstadt

Eichen müssen weichen

Berlin braucht neue Wohnungen. Auch in der Siemensstadt werden dafür Flächen erschlossen. Sogar in zentraler Lage. Gut.

Die vom CJD Berlin betriebene Kindertagesstätte Johanna-von-Siemens wirbt mit ihrem riesigen Park als grüne Lunge für die Großstadtkinder. Der Bauträger Kondor Wessels wirbt mit der ruhigen Lage seiner neuen fünfgeschossigen Mehrfamilienhäuser . Und beide haben unrecht.

Das ausgerechnet der größte Teil des mit schönen alten Eichen bestandene Parks der Kita für den Bau von Häusern für Bessergestellte herhalten musste scheint nicht so gut. Als erstes mussten über 60 Bäume den Baggern Platz machen. Aber das hat auch sein Gutes: Viele Eichen in der parkähnlichen Anlage wurden von dem Eichenprozessionsspinner befallen, und deswegen musste schon das für 2012 geplante Sommerfest auf unbestimmte Zeit verschoben werden.
Und was die ruhebedürftigen Neuberliner betrifft: Berlins größte Kita bleibt gewissermaßen im Hof. Und direkt auf dem Nachbargrundstück befindet sich eine große Schule.

Johanna-von-Siemens-Heim im September 2004



August 2013 in der Siemensstadt
Bei dieser Führung geht es nicht um die Erfolge von Siemens bei Wissenschaft und Technik, sonder um die Frage, wie die Siemensianer lebten und wohnten.
Erst nach dem Ersten Weltkrieg, als sich die sozialen Probleme infolger der erdrückenden Kriegslasten besonders bei den unteren Schichten zuspitzten, entschloss sich die Firma Werkssiedlungen zu bauen. Davon hatte sich Siemens bis dahin zurückgehalten, die Erfahrungen von Borsig waren nicht die allerbesten in dieser Frage.
Wir beginnen am Rohrdamm, dort stößt man schnell auf die Überreste der 1928 in Betrieb genommenen Siemensbahn. Der ehemalige Bahnhof Siemensstadt ist seit seiner Stilllegung im zusammenhang mit dem letzten S-Bahner-Streik 1980 etwas heruntergekommen. Auf dem Gleisen wachsen Bäume.

S-Bahnhof Siemensstadt
Auf dem Rohrdamm finden sich noch einige der alten Bäume der Jungfernheide, von denen die prächtigsten unter Denkmalschutz stehen.
Hier findet sich auch ein Hotel, das bisher stark von der Nähe des Flughafens Tegel zu Siemens profitiert hat. Architekt ist der Ungers-Schüler Prof. Sawade. Und so sieht das Hotel auch aus: klar, kristallin und quadratisch. Dabei ist Sawade eher ein barocker Typ.

Holiday Inn Berlin City West
Weiter geht es entlang des Rohrdamms bis zu einem Stück Berliner Dauerwald, das in den 50er Jahren zum Wilhelm-von-Siemens-Park umgestaltet wurde.

Dauerwald-Park
Erst hinter dem Dauerwaldstreifen durfte die Siemensbauabteilung unter der Leitung des Architekten Hans Hertlein zur Anlage der ersten Werkswohnungen nach dem damals angesagten Gartenstadtentwurf schreiten.

Das Interesse an diesen Rundgängen ist groß. Und so erleben es die Siemensstädter öfters, dass Gruppen durch die Gartenstadtsiedlung mit neugierigen Augen schlendern und fotografieren was das Zeug hält. Wie früher die Japaner. An deren Stelle kommen heute die Chinesen.

Das Interesse ist groß. Herr Voigtländer führt.
So sah der erste bauabschnitt in der Rapsstraße 1922 aus: noch ziemlich kahl und mit schlammigen Straßen. Erfahrene Neubauviertel-Bewohner kennen das noch.

Neubauviertel Rapsstraße 1922
Und weiter durch die Gartenstadtlandschaft mit ihrer Enge auf der einen Seite und der grünen Weite auf der anderen.

Gartenstadt Siemensstadt, Rapsweg
Hinter diesen Gartenstadthäuschen liegen die typischen Handtuchgärten, schmal aber relativ lang. Früher besaßen sie eine wichtige wirtschaftliche Bedeutung für ihre Besitzer, heute nicht mehr. Das sieht man auch an der Bepflanzung und Nutzung überhaupt. Wer pflanzt noch Zwiebeln und Kopfsalat?

Grüne Hölle Gartenstadt
Auf halber Höhe der Gartenstadtsiedlung stößt man auf einen sorgfältig geplanten "Dorfplatz", der heute aber von geparkten Autos verstellt wird. Die Wirkung wird früher eine andere gewesen sein.

Der Dorfplatz
Beim Streifzug durch die Innenhöfe fällt die sorgsam gestaltet Landschaft auf. So möchte man mal Urlaub machen.

Streifzug durch die Innenhöfe der Gartenstadtsiedlung
Die Innenhöfe sind mit Kunstwerken ausgestattet, die der Bebauung in den 30er Jahren hinzugefügt wurden. Interessant die Plastiken des Bildhauers Wilhelm von Winterfeld:

Raufende Bärenkinder, Wilhelm von Winterfeld
vom gleichen Autor stammen auch die raufenden Knaben im gleichen Hof. Das ist auch kein Zufall. In den Siedlungen der 20er Jahre findet man häufig, bedingt durch den mörderischen Weltkrieg, von dem man damals noch nicht wusste, das er einmal der Erste genannt werden würde, Gestaltungen des Themas Familie, Mutter und Kind.

Raufende Knaben, Wilhelm von Winterfeld
Das pralle Leben, August 2013

Torhaus am Ende der Rapsstraße
Hinter einem Torhaus mit schiefergedecktem Uhrentürmchen liegt ein Brunnenplatz.

Der kleine Brunnenplatz soll nach den Vorstellungen der Siemensarchitekten Heimatlichkeit und Geborgenheit bieten, wie es den Siedlungen der 20er Jahre häufig eigen ist.

Der Genovevabrunnen am Stadtplatz
Zum Brunnen gibt es auch eine schöne Geschichte, die an dieser Stelle nicht vorenthalten sein soll:
Als Pfalzgraf Siegfried (als Gefolgsmann des Königs, ggf. Karl Martells) in den Krieg zog, wurde Genoveva durch Siegfrieds Statthalter Golo begehrt, dessen Werben von der treuen Genoveva verschmäht wurde. Daraufhin beschuldigte er Genoveva intriganterweise des Ehebruchs mit einem Koch und verurteilte sie zum Tode. Vom Henker wurde sie jedoch verschont und freigelassen (Parallele zu Schneewittchen). Darauf lebte sie mit ihrem neugeborenen Sohn sechs Jahre lang in einer Höhle, in der die Gottesmutter Maria sie mittels einer Hirschkuh versorgte. Schließlich fand ihr Ehemann Siegfried, der stets an ihre Unschuld glaubte, aber Golos Entscheidung als Statthalter akzeptierte, sie wieder und errichtete zum Dank für Genovevas Errettung eine Wallfahrtskirche. Golo wurde nach Aufdeckung des wahren Verlaufs der Geschichte auf Geheiß Siegfrieds gevierteilt.(http://de.wikipedia.org/wiki/Genoveva_von_Brabant)

Ludwig Richter: Genoveva in der Waldeinsamkeit, Ausschnitt
Im weiteren Verlaufe gelangt man in die Rieppelstraße. Hier findet man auf dem mit großen, prächtigen Bäumen noch aus der alten Jungfernheide bestandenen Hof eine schöne Parkanlage, die mit einer zeittypischen Mutter-Kind-Skulptur aus Travertin gekrönt wird:

Hermann Hosaeus: Mutter und Kind
In der Rieppelstraße selbst finden sich außerordentlich ausdrucksstarke Reliefs an den Hauseingängen, die von dem wie Wackerle aus Garmisch-Partenkirchen stammende Otto Hitzberger stammen. "Otto Hitzberger lernte in der Holzschnitzschule von Partenkirchen und bildete sich zum Bildhauer weiter. Von 1913 bis 1917 war Hitzberger Leiter der Werkstätte von Joseph Wackerle an der Kunstgewerbeschule in Berlin und erhielt anschließend eine Professur und die Leitung der Bildhauerklasse am Kunstgewerbemuseum in Berlin." (http://w3.siemens.de/siemens-stadt/hitzbeg0.htm)

Otto Hitzberger, Hänsel und Gretel
Stark dramatisch ist auch das Relief, das eine Szene aus dem bekannten Märchen "Das tapfere Schneiderlein" darstellt. Hier fängt das Schneiderlein ein gefährliches Einhorn. Mit List und Tücke, wie man weiß.

Der dramatische Kampf des tapferen Schneiderleins mit dem wütenden Einhorn
Zurück geht es dann wieder durch den Wilhelm-von-Siemens-Park, der mit Humboldt- und Friedrichshain gemein hat, dass er nach dem Krieg aus einer Trümmerschuttkippe entstanden ist. Wie jene gibt er im Winter eine passable Rodelbahn ab.

Der Wilhelm-von-Siemens-Park im Winter

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